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17/11/2011 Françoise Grossetête: "Antibiotika müssen künftig als allerletzte Lösung angesehen werden"

Die Europäische Kommission hat heute einen fünfjährigen Aktionsplan zur Abwehr der Antibiotikaresistenz vorgelegt. Grundlage dieser Veröffentlichung war eine Ende Oktober vom Europäischen Parlament angenommene Entschließung. Die Urheberin dieser Entschließung, die EU-Abgeordnete Françoise Grossetête (EVP, Frankreich), erklärt uns hier die wesentlichen Punkte.

Touteleurope.eu: Die Aufklärung der EU-Bürger über eine angemessene Anwendung von Antibiotika wird in der Entschließung als wichtige Piste angesprochen. In Frankreich haben wir die Aufklärungskampagne „Greif doch nicht immer gleich zu Antibiotika“, und trotzdem halten sich die Vorurteile hartnäckig …

Françoise Grossetête
: Das kann man wohl sagen. Wir haben in Europa eine viel zu breite und oftmals unangemessene Anwendung von Antibiotika festgestellt. Deshalb gibt es heute Bakterien, die eine Resistenz gegen diese Medikamente entwickelt haben. Beispielhaft dafür ist der EHEC-Erreger, der letzten Juni immerhin 76 Tote in Europa gefordert hat. Die E. Coli-Bakterie war besonders virulent und resistent gegenüber Medikamenten, darunter Antibiotika. Wir stehen vor einem echten Problem. Die sogenannten nosokomialen Infektionen, die vor allem in Krankenhäusern auftreten, sind mitunter extrem schwierig zu heilen, eben weil es Bakterien gibt, die sehr resistent gegen Antibiotika sind.

Wir müssen uns dringend einen Überblick über die Verwendung von Antibiotika in der Human- und in der Tiermedizin verschaffen. Wir haben gemerkt, dass Antibiotika in der Tiermedizin viel zu breite Anwendung finden, dass manche Tierzüchter in ihren Betrieben Antibiotika sogar vorbeugend einsetzen. Eine derartige Anwendung in der Aufzucht von Tieren, die für den menschlichen Verzehr bestimmt sind, hat aber nachweislich gravierende Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit, denn Spuren von Antibiotika gelangen auch in Milch, Fleisch oder Wasser.

Touteleurope.eu: Könnte die Tatsache, dass Antibiotikaresistenz zwischen Tier und Mensch übertragbar ist, im Rahmen des Verbraucherschutzes nicht zur Einführung eines neuen Rückverfolgungssystems für Fleisch führen, bei dem die Tiere, die prophylaktisch mit Antibiotika behandelt worden sind, sofort erkannt werden?

Françoise Grossetête
: In der Folge der BSE-Krise wurde bereits ein Rückverfolgungssystem für Rindfleisch eingeführt. Heute müssen solche Rückverfolgungssysteme dringend auch in der Schaf- und Geflügelzucht eingeführt werden, denn dort finden Antibiotika eine breite Anwendung.

Vor einigen Jahren haben deutsche Behörden antibiotikaresistente Bakterien in Eiern nachgewiesen. Allein dieses Beispiel macht deutlich, dass eine Rückverfolgung, wie sie in der Rinderzucht besteht, unbedingt auf die restlichen Tierzuchtbetriebe ausgeweitet werden muss. Dafür machen wir uns stark!

Touteleurope.eu: In der Ende Oktober 2011 angenommenen Entschließung verlangen die EU-Abgeordneten von der Kommission die Einführung eines Systems zur frühzeitigen Warnung und Abwehr von neuen Resistenzmechanismen und resistenten Bakterienstämmen. Können Sie das etwas ausführen?

Françoise Grossetête
: Je eher man über ein Problem informiert wird, desto schneller kann man es zu lösen versuchen. Um ein solches Frühwarnsystem kommen wir wirklich nicht herum. Gleichzeitig benötigen wir aber auch verlässliche Informationen zum Einsatz von Antibiotika, sowohl in der Human- als auch in der Tiermedizin, damit wir einen genauen Überblick haben, was sich innerhalb der EU abspielt.

Weitere wichtige Maßnahmen wären die Weiterbildung in den medizinischen Berufen und die Aufklärung der Öffentlichkeit. In Frankreich ist es z. B durchaus keine Seltenheit, dass Eltern den Arzt bitten, ihrem Kind Antibiotika zu verschreiben, obwohl es oftmals nicht unbedingt notwendig ist. Wir wollen der Infektionsvorbeugung und Infektionskontrolle einen noch höheren Stellenwert einräumen, vor allem im Krankenhaus.

Außerdem streben wir eine neue Richtlinie zur Tiergesundheit an, bei der die Prävention von Krankheiten im Vordergrund steht, der Einsatz von Antibiotika reduziert und dafür, wann immer möglich, auf Impfungen zurückgegriffen werden soll. Vor allem aber soll die Pharmaindustrie aufgefordert werden, die Erforschung neuer Moleküle voranzutreiben. Seit etwa fünfzehn Jahren sind nämlich keine neuen Medikamente mehr entwickelt worden. Die von bestimmten Bakterien entwickelten Resistenzen bringen uns aber in ernste Schwierigkeiten, wenn wir keine neuen Lösungen finden!

Antibiotika müssen in Zukunft als allerletzte Lösung betrachtet werden, sowohl in der Tier- als auch in der Humanmedizin!

Touteleurope.eu: Gibt es in allen Bereichen, die Sie erwähnt haben (Prävention, Forschung usw.) ein europäisches Land, das den anderen voraus wäre und der gesamten EU als Modell dienen könnte?

Françoise Grossetête
: Wir haben es mit einer ernsten Gefahr für die Gesundheit zu tun. Daraus müssen Konsequenzen gezogen werden: Zuerst muss eine präzise und zuverlässige Erhebung derjenigen Staaten erfolgen, in denen Antibiotika stärker zum Einsatz kommen als in anderen Ländern: Frankreich, Deutschland und Griechenland wären solche Länder. Die vorhin erwähnte Aufklärungskampagne in Frankreich wurde genau aus diesem Grund gestartet.

Neben der Aufklärung der medizinischen Berufsgruppen und der breiten Öffentlichkeit müssen auch Empfehlungen an die Tiermedizin gerichtet werden. Das Risiko der Querübertragung von Tier auf Mensch und umgekehrt dringt langsam ins Bewusstsein. Weitere Schritte wären die Entwicklung bzw. Förderung öffentlich-privater Partnerschaften bei der Erforschung neuer Moleküle und eine engere Zusammenarbeit auf internationaler Ebene im Rahmen der Weltgesundheitsorganisation, insbesondere mit Unterstützung des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten.

All diese Maßnahmen müssten gleichzeitig gestartet werden. Die Forschung wird nicht von heute auf morgen mit neuen Medikamenten aufwarten. In der Zwischenzeit muss der Einsatz von Antibiotika durch gezielte Maßnahmen verringert werden.

Touteleupre.eu: In der Aussprache im Parlament ließ Jo Leinen anklingen, dass Vertreter der Landwirtschaft im Vorfeld bei mehreren seiner Kollegen im Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit kräftig Lobby betrieben haben. Können Sie uns erklären, was genau die Landwirte an der Verabschiedung von neuen Rechtsvorschriften in diesem Bereich stört?

Françoise Grossetête
: Es stimmt, dass gewisse Vertreter der Landwirtschaft in den Wochen vor der Abstimmung der Entschließung ihre Interessen stark vertreten haben. Die Lobby der Tierärzte war in Deutschland besonders präsent. Der systematische prophylaktische Einsatz von Antibiotika als einfachste Lösung wäre einer der Beweggründe dieser Lobby. Bei den Landwirten ist dies gang und gäbe. Ich wäge meine Worte ab: nicht alle Landwirte tragen die gleiche Verantwortung.

Diese doppelte Lobbyarbeit hat aber nicht zu den gewünschten Ergebnissen geführt. Denn am Ende ist genau der Text verabschiedet worden, den ich wollte. Er sieht beispielsweise auch bei Tierärzten eine strengere Kontrolle und eine Aufklärung über den umsichtigeren Einsatz von Antibiotika als wirklich letzter Lösung vor.



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